Interplast Interplast Germany e.V. - Sektion München
 

25.01.07

Ende des barmherzigen Samaritertums

Die humanitäre Hilfe hat ihre Unschuld verloren. Durch die Globalisierung und Neoliberalisierung der Welt, hat sich die Zielsetzung und die Logistik von humanitären Einsätzen wesentlich geändert.

Bedeutete früher das Motto: Hilfe - "Wer hilft ist gut", so hat sich dies heute in "Was hilft ist gut" gewandelt. Die Motivation "einfach nur helfen wollen" reicht nicht mehr aus und muss sich zu einer humanitäre Verantwortung weiterentwickeln.

Nachhaltigkeit ist eines der wesentlichen Kriterien und die Hauptzielsetzung von humanitären Einsätzen. Motive wie Selbsterfahrung, eigene Grenzüberschreitung, Flucht aus dem Alltag, Egotrip und operative Selbstverwirklichung sollten deutlich in den Hintergrund treten.

Humanitäre Hilfe ist auch ein begrenztes Einmischen in die inneren Angelegenheiten eines Staates um aktive Not zu lindern. Ist sie nur eine Illusion? Bewegen wir uns im politischen Niemandsland der Barmherzigkeit? Denken wir an Einsatzorte wie Burma oder Afghanistan, so müssen wir darauf achten, dass wir von der dortigen - oft totalitären Politik - nicht instrumentalisiert werden. Stützen wir nicht indirekt die bestehenden Machtsysteme, da sie uns missbrauchen und der Bevölkerung der Illusion überlassen, dass sie es waren, die uns angefordert haben?

Verlängern wir nicht indirekt dadurch Unterdrückung und Macht ín totalitären Regime? Denkt man an Kambodscha und Afghanistan so hat man den Eindruck wie in Brechts "Mutter Courage", dass sich die Hilfsorganisationen oft selbst unterhalten und von der Kriegssituation profitieren und damit ihre Notwendigkeit und Berechtigung ableiten. Durch die Einsätze werden gewachsene Strukturen verändert, die Mietpreise und die Lebenshaltungskosten steigen. Es ist schon absurd, dass in Kabul und Bagdad die Mietpreise für die angemieteten Häuser der NGO's dem Münchner Mietspiegel angepasst sind. Hier werden Kriegsprofiteure und Kriegsmillionäre geschaffen, die an friedlichen Veränderungen kein Interesse zeigen.

Oft wird der Vorwurf geäußert, dass wir NGO's die Hilfsbedürftigen selbst erfinden um unsere Daseinberichtigung zu untermauern und Abhängigkeiten schaffen, die uns unersetzbar machen. Für uns bedeutet das oft, nicht ausbilden, uns rein auf das Operative beschränken, den body count durchzuführen und wenig Nachhaltigkeit erzeugen. Wollen wir Opfer( Patienten), um unsere nächsten Einsätze zu sichern zu sichern? Durch diese falsche Hilfe werden die Gastländer und die einheimmischen Kollegen entmündigt. Wir zeigen Ihnen was wir Deutsche können oder glauben zu können und werten sie in Ihrer eigenen Leistung damit ab. Dabei sollten wir, da wir nur Gäste ihn Ihren Land sind, Ihre Partner sein. Betrachtet man die weltweite Situation, gibt es sicher immer noch deutlich mehr Arbeit als arbeitsbereite plastische Chirurgen. Wichtig ist hier zu betonen, dass man nicht den einheimischen Kollegen die Arbeit wegnimmt, auch dadurch, dass man für die Patienten kostengünstiger oder sogar kostenfrei Operationen an bietet, während örtliche Kollegen ein Honorar nehmen.

Die Alibifunktion "Hilfe zur Selbsthilfe" ist die 2. Zielsetzung neben der Nachhaltigkeit. Beides kann bei Interplast nur in einem Strategiewandel eingeleitet werden.

Die Augenärzte haben uns mit Ihrer CBM-Mission (Christoffel Blinden Mission) einiges voraus. Durch ihre Zielsetzung "Vision 2020" sind sie schon lange vom barmherzigen Samaritertum zu einer konstruktiven Entwicklungshilfe gelangt. Ihre globale Initiative "Das Recht auf Sehen" können wir umwandeln in "Ein Recht auf Leben ohne Handicaps". Auch wir sollten eine globale Initiative einleiten, die zur Eliminierung von angeborenen und erworbenen Missbildungen führt.

Diese steht auf drei Säulen:

1. HRD (Human resource development)

Ausbildung und Weiterbildung

2. Desease Kontrolle

Die 2. Säule ist für Interplasteinsätze nicht so bedeutend wie für NGO's, welche sich in der Präventivmedizin bewegen durch Eliminierung von Aids, Malaria und Polio. Die rekonstruktive Chirurgie bietet uns hier die Möglichkeit angeborene Missbildungen zu eliminieren und durch die Operation zu verbessern, indem wir den kleinen Patienten die Handicaps nehmen, so dass sie sich besser sozial in ihren dörflichen Strukturen integrieren können. Ich denke, es wäre auch für Interplast sinnvoll, für einzelne Länder oder Regionen prioritäre Krankheiten zu benennen, die behandelt werden sollen. Diese sollten nach Schweregrad und Häufigkeit definiert werden. Dies hauptsächlich, um die lokalen Kollegen zunächst in der Therapie dieser wichtigen Erkrankungen auszubilden und nur selten in High-Tech Operationen ausbilden.

3. Infrastructal Development
(Krankenhäuser, Verbrauchsgüter, Instrumente)

Durch die Verbesserung der Infrastrukturen der örtlichen kleinen Provinzkrankenhäuser können einheimische Ärzte, die oft in der hier notwendigen Notfallmedizin gut ausgebildet sind, effektiver arbeiten.

Unter dieser Strukturverbesserung verstehe ich genauso die Beratung, Ausbildung, Vergabe von Stipendien und Durchführung von speziellen Workshops, so dass man dann in einem Zeitraum von 10-20 Jahren von Nachhaltigkeit sprechen kann. Durch die Möglichkeit von Aus- und Weiterbildung einheimischer Kollegen ist natürlich die Gefahr der sogenannten "brain drain" nicht von der Hand zu weisen, doch diese muss leider in Kauf genommen werden. Durch eine bessere Ausbildung und Ausstattung der lokalen Kollegen kann auch einem brain drain entgegen gewirkt werden, da die Befriedigung durch die Arbeit steigt. Ursachen für brain drain sind nicht allein höhere Gehälter im Ausland, sondern häufig auch Frust am eigenen Arbeitsplatz durch schlechte Ausstattung und fehlende Weiterbildungsmöglichkeiten. Genau dieses könnte Interplast leisten. Hierfür sind stabile und über längere Zeiträume angelegte Partnerschaften notwendig. Nur wer mit einem Partner über mehrere Jahre konstant zusammenarbeitet, kennt seine Probleme und Defizite. Einmalige Besuche oder kurze Zeiträume der Zusammenarbeit können dieses nicht leisten. Wir können von diesen Kollegen nicht mehr verlangen, als wir ihnen selber vorleben und die Nachhaltigkeit die sog. "sustainability" ist auch nur mit langfristigen Partnerschaften zu verwirklichen. Hier sollte von Universität zu Universität, von Krankenhaus zu Krankenhaus und von Arzt zu Arzt gearbeitet werden. Es sollte eine Koordinierung von verschiedenen NGO's mit gleicher Zielsetzung erfolgen, wobei dieses aufgrund der Eigenständigkeit der NGO's oft sehr schwer ist. Keiner lässt sich gerne in sein Konzept reinreden, da wir alle glauben, dass unser Konzept besser ist als das der anderen. Durch mehr Flexibilität können fruchtbare Verbindungen und Synergien auch über die Gesundheitsministerien, Universitäten und Krankenhäuser und anderen professionellen Helfern mit ihren NGO's geschaffen werden.

Wenn man von einer perfekten, bewusst konstruktiven humanitären Arbeit sprechen will, so geht dies nur über einen nationalen Plan, für den sich alle Beteiligten (wie das Gesundheitsministerium, die regionalen Gesundheitsämter, die lokalen und ausländischen NGO's und andere health professionals) zusammentun und über die local task force ihre gemeinsamen Ideen zu verwirklichen versuchen. Ein Einsatz sollte nie ohne Absprache mit den lokalen Kollegen erfolgen, noch besser mit ihrer Einbeziehung. Ein nationales Programm oder eine nationale Task Force sollte im Idealfall Kurzzeiteinsätze von Interplast mitplanen und koordinieren, d.h. Einsatzort, Zeit, Ziel und lokale Beteiligung definieren. Das ist natürlich die Idealvorstellung, welche auch der augenärztliche Vision 2020 entspricht, die diesen Weg allerdings schon lange beschritten hat. Wir als kleine NGO's mit unseren immer noch auf Patientenversorgung fixierten Einsätzen müssen dazulernen. Natürlich macht es auch mir am meisten Freude, vor Ort zu operieren. Dennoch versuchen wir bei unseren von München aus gesteuerten Einsätzen in Burma, oder jetzt auch im Jemen, einen kleinen Teil dieser Ideen umzusetzen.

Alle Sektionen sollten einmal eine Eigenbewertung über ihre Einsätze durchführen. Viele unserer Sektionen arbeiten seit Jahren in bestimmten Einsatzorten und Ländern. Wie sieht hier die Nachhaltigkeit der Einsätze aus?

Wir müssen einen Strukturwandel vollziehen.

  • Individualhilfe ist nicht mehr der Keypoint
  • Strukturveränderung als neue Zielvorgabe
  • Kosten-Nutzenveränderung
  • Hilfe zur Selbsthilfe beim Wort nehmen
  • Ausbildungsstrategien entwickeln
  • Langfristige Partner suchen

Beachten wir diese Punkte, so sind wir auf dem Weg zu einer konstruktiven, humanitären Verantwortung bei unseren Interplastmissionen. Hilfreich könnte ein von Interplast entwickelter Evaluierungsbogen zu jedem Einsatz sein, der von Interplast ausgewertet wird und in dem Punkte wie Ausbildung, Weiterbildung, Workshops, Ausstattungshilfe, abgefragt werden können.

Bewerten wir unsere Einsätze, so ergibt sich folgendes Bild:

  • Operationsstandard 1-2
  • Die Effektivität 2+
  • Komplikationen 1-2
  • Nachsorge 5-6
  • Teaching 4-5
  • Workshops 5
  • Nachhaltigkeit 4-5
  • Zielsetzung 5
  • Ausstattungshilfe 4

Vielleicht mag diese Eigenbewertung etwas zu negativ ausfallen, aber es sollte uns allen einen Anlass geben, nachzudenken.

Heinrich Schoeneich
Angelika Wagner


 
 
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