Interplast Interplast Germany e.V. - Sektion München
 

02.06.08

Burmese days - Behind the Curtain

10 Jahre Projekt Interplast Myanmar - Bavaria

Warum Myanmar? Auf Wunsch der Generäle und auf Anraten der vieles bestimmenden Astrologen und Wahrsagern wird das alte Birma oder Burma politisch korrekt heute "Union of Myanmar" genannt.

Ich als Burma-Romantiker bleibe beim wohlklingenden Burma, dem Ort, wo sich meine Seele zu Hause fühlt. Ein wunderbares, aber geschundenes Land. Zu gerne betrachte ich es durch meine rosarote Brille und verdränge dabei schnell die Realität. Burma ist für die Einen das Wunderland mit goldenen Pagoden, mit praktiziertem Buddhismus und knarrenden Ochsenkarren, die den Lebensrhythmus der Menschen bestimmen, für die Anderen ein Land, in dem die Menschenrechte missachtet werden. Für die restliche Welt bleibt das tatsächliche Leben der Burmesen zwischen diesen beiden Gegensätzen weitgehend ein Mysterium.

Burma wird immer nur durch Extreme dargestellt: Zwangsarbeit, Aids, Drogenanbau, Militärregierung, Ethnische Säuberungen, Refugee Camps, Prostitution, Aung San Suu Kyi - und auf der anderen Seite: fromme Mönche, Pagoden, goldene Tempel, Meditation und Wiedergeburt. Doch über das wirkliche Leben der 52.000.000 Menschen, die eine Fläche doppelt so groß wie Deutschland bevölkern, wird selten berichtet.

Selbst für uns, die wir seit über 10 Jahren in Burma tätig sind, bleibt es unbegreiflich, warum die Führung Myanmars nicht einen einzigen vernünftigen, kleinen Schritt gehen kann, um den Kriterien politischen Verhaltens zu genügen, die im westlichen Kulturkreis gewachsen und als internationale Norm anerkannt sind.

Warum ist die Führungsriege so immun gegen Empfehlungen von außen, so voreingenommen gegenüber westlicher/fremder Kultur? Warum kann sie nicht die Kenntnis um westliche Werte zur Konfliktvermeidung nutzen - wie der östliche Nachbar Thailand, der dieses schon seit über 50 Jahren mit Erfolg schafft? Oder sollten wir dies als Negativbeispiel ansehen, nachdem auch Thailand jetzt wirtschaftliche Probleme hat?

Eigentlich geht es aber um Menschenrechte, um Freiheit und persönliche Verwirklichung, um ein Recht auf Verbesserung der Lebensumstände.

Versetzt man sich einmal in die Lage der myanmarischen Politelite, werden einige Faktoren, die zu ihrem Selbst- und Weltverständnis beitragen mögen sichtbar. Dies ist zum Einen die geographische Lage des Landes, das hufeisenförmig von hohem Gebirge von Seiten Indiens umgeben wird. Hieraus resultiert, dass Monsunwolken mehrfach abregnen und der Ayeyarwady so eine ständige Wasserführung in Nord-Süd-Richtung gestattet. Dadurch ist in dieser zentralen Zone eine intensive Landwirtschaft von alters her möglich. Wer diese Reiskammer besitzt, ist reich, hat die besten Entwicklungsmöglichkeiten und kontrolliert das Land.

So kam es auch im Laufe der Geschichte, dass viele verschiedene Völker den Zentralbereich besetzen wollten. Einzig die Bamar konnten sich als beherrschende Klasse dauerhaft behaupten. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich die Burmesen nicht einem notorischen Isolationismus hingegeben, sondern haben viele Elemente anderer Kulturen, insbesondere indische Elemente assimiliert. Die Burmesen haben es meisterhaft verstanden, Impulse von außen mit ihren Erfahrungen zu verbinden und etwas Unverwechselbares, Eigenes zu schaffen. Sie waren aber auch kaum gezwungen, politische Arrangements mit anderen Mächten zu treffen. Durch die relative Abgeschiedenheit und die letztliche Oberhand über die Rivalen mag dies - sicher ohne Selbstverständnis - das Verhalten der heutigen Generäle bewirkt haben. Ein wichtiges Element, welches die Kultur und Lebensweise des Landes prägt, ist der Buddhismus. Das Prinzip der Wiedergeburt und des Karmas, welches besagt, dass alles, was eine Person bewirken kann und was ihr geschieht durch ihr vorheriges eigenes Tun bedingt ist, wird beachtet und ist allgegenwärtig. Das Karma ist sozusagen eine Summe des Handelns in allen schon durchlaufenen Existenzen, einschließlich der aktuellen. Folgerichtig galt für die Generäle, dass nur derjenige Herrscher Macht ausüben kann, der ein entsprechendes Karma erreicht hat.

Durch unsere Operationseinsätze in den verschiedensten Regionen des Landes, sind wir sehr dicht an den Menschen, helfen Familien unterschiedlicher ethnischer und religiöser Herkunft, haben Anteil an ihrem Leben, an ihren täglichen Ritualen zu Hause, in den Krankenhäusern, an ihrer Arbeit und an kulturellen oder religiösen Festen.Ich versuche nach vollbrachter erfüllter Arbeit den Menschen mit meiner Kamera, wenn auch manchmal aufdringlich, aber dennoch respektvoll und in Würde zu begegnen. Ich will all diese Eindrücke nicht nur spüren und leben, ich möchte sie vermitteln, weiterverbreiten, sie zu Hause für die Menschen neu entstehen lassen.

Meine Photographien sind Abbild erlebter Vergangenheit, sie sind kleine Fragmente, Gefundenes, nicht Gesuchtes. Sie sollen nicht nur auf ein Vorher und Nachher, sondern auch auf ein Dahinter verweisen. Wir Alle, mein Münchener Team, haben dieses Land in unsere Herzen geschlossen und wollen umso mehr die Menschen unterstützen, deren medizinische Versorgung keinesfalls gewährleistet ist. Die vierfache Erhöhung des Dieselpreises hat die ökonomische Lage im Land drastisch verschlechtert und Unruhen ausgelöst. Nur eine Mahlzeit am Tag ist zu finanzieren. Die Fahrt zum Arzt ist um einiges teuerer als das Arzthonorar. Man sitzt abends wieder bei Kerzenlicht. Der Diesel für die Kleingeneratoren kann nicht bezahlt werden. Strom aus einem der wenigen funktionierenden E-Werke ist selbst in der Haupstadt Yangon keine Selbstverständlichkeit.

Es existieren 758 Krankenhäuser mit ca. 28.000 Betten für 52 Millionen Einwohner, 1.475 Ambulatorien, 1 Arzt auf 12.500 Einwohnern.

Weitere Fakten:

  • Lebenserwartung 57,3 J.
  • Säuglingssterblichkeit 10,5%
  • Kindersterblichkeit 15%
  • Analphabetentum 14,7%
  • Unternährung der Kinder unter 5 Jahren 31%
  • HIV / AIDS 0,6-2,2%
  • staatliche Ausgabe für Gesundheit 0,4% des BIP, für Bildung 1,3%
  • Entwicklungstand gemäss UN Human Development Index 2004: Rang 132 von 177 erfassten Ländern Inflationsrate 40%
  • Auslandsverschuldung USD 6,0 Mrd.

1997 haben wir mit unseren Operationseinsätzen angefangen, nachdem zwei Burmesische Stipendiaten über den deutschen Botschafter Freiherr von Marschall nach München gelangt sind. Durch Vermittlung diese beiden Stipendiaten, Professor Paing Soe und Professor Kim Maung Lwin an das Gesundheitsministerium, haben wir unsere langjährige Arbeit beginnen können. Zu der Zeit haben Militärärzte, drei Professoren der Kieferchirurgie und Oralchirurgie, für das gesamte Land Lippen-Kiefer-Gaumenspalten operiert und das meistens nur gegen Geld, so dass diese drei das ganze Land unter sich aufteilten. Assistenten haben jahrelang nur assistiert und nur Fäden abgeschnitten. Nachdem jetzt Professor Lwin als Plastischer Chirurg über Deutschland und San Francisco ausgebildet in das Land zurückkam, wurden erstmalig weitere Kollegen am General Hospital in Yangon ausgebildet. Durch die Kontinuität unserer Einsätze von Interplast Germany aber auch von Interplast USA und anderen Gastärzten wurden in den darauf folgenden Jahren immer mehr Kollegen in grundlegende Techniken eingewiesen. Was vor 10 Jahren drei burmesische Kollegen beherrschten, beherrschen heute 15, die selbstständig nach europäischen Maßstäben die Methode von Millard und andere Techniken im Lippen- und Gaumenverschluss durchführen.

15 ausgebildete burmesische LKG Operateure
Yangon: 5 Plastische Chirurgen, 3 Kieferchirurgen, 1 Oral Chirurg
Mandalay: 3 Plastische Chirurgen, 3 Kieferchirurgen

Nicht registriert sind viele Allgemeinchirurgen oder HNO Ärzte, die autodidaktisch Spalten operieren, gegen den Willen burmesischer Fachärzte. Viele sekundäre Nachoperationen belegen die schlechten Ergebnisse.

Operationszahlen 1997-2007:

Nationale u. internationale Teams
6.000 LKG Operationen

Interplast München - 23 Teams
1.542 LKG Operationen
2.645 alle Operationen

2.645 Operationen, 12 Einsatzorte, 23 Einsätze:

LKG Spalten 1542
Verbrennungsfolgen 755
Ang. Missbildungen 102
Tumore 83
Varia 163

Interplast München hat in zehn Jahren 1.542 Spalten operiert. Die Gruppe um Prof. Kim Maung Lwin operiert bis zu 350 Spalten pro Jahr im Spaltzentrum Yangon und in den verschiedensten Provinzen des Landes. In den letzten 10 Jahren sind, zusammen mit allen Internationalen Interplastteams, über 6000 Spalten in Burma operiert worden.

Wir vermuten, dass in Burma auf 300-350 Geburten eine Spalte kommt, in Europa eine auf 500 Geburten. Nachdem in den ersten Jahren die Patientenversorgung unter Bodycount Vorrang hatte, haben jetzt davon Abstand genommen und uns mehr auf Ausbildung und "Hilfe zur Selbsthilfe" konzentriert.

Durch die Verbesserung der Krankenhausinfrastrukturen haben wir den einheimischen Kollegen ermöglicht ihre Patienten in ländlichen Gegenden unter besseren Bedingungen behandeln zu können. Über mehrere großzügige Einzelspenden Münchner Freunde haben wir 1998 das Krankenhaus in Bagan aufgebaut, mit zwei Operationsräumen, Vorbereitungsräumen und das gesamte Inventar mit Klimaanlage, OP-Tischen, Elektrokautern und Narkosegeräten.

Im darauf folgenden Jahr wurde ein Bettentrakt für Männer und Frauen durch Spenden hinzugefügt. Weitere Krankenhausprojekte in kleinerer Art wurden in Kyaingtong, in Pathein und in Mrauk-U durchgeführt. Die Abteilung für Plastische Chirurgie in Yangon konnte vor fünf Jahren ein eigenes Gebäude beziehen. Auch hier haben wir großzügig unterstützt, durch Beschaffung von Operationslampen, Narkosegeräten, Computern, Literatur, Fachzeitschriften und Instrumenten. Zwei Assistenten der Abteilung Plastische Chirurgie, Dr. Kyaw und Dr. Win Win Thu, sowie der Neurochirurg Dr. Myat Thu erhielten Interplaststipendien von vier bis sechs Wochen in München, wo sie in der Neurochirurgie und in der plastischen Chirurgie hospitieren konnten, um sich mit neueren Operationsverfahren vertraut zu machen. Aufgrund der besseren Verdienstmöglichkeiten (größeres Patientengut) ist die Ausbildung zum Allgemeinchirurgen bevorzugt und Anwärter für die Ausbildung zum Facharzt für plastische Chirurgie sind selten.

Nur in den Städten Yangon und Mandalay haben sich Zentren entwickelt, über die plastische, rekonstruktive Operationen in ihrer Basisversorgung - nicht ganz kostenfrei - angeboten werden. Die Patienten müssen in der Regel alle Sachkosten, wie Nahtmaterialien und Infusionen selbst bezahlen. In diesen 10 Jahren, und darüber freue ich mich besonders, sind wir alle Freunde geworden und zu einer großen internationalen Familie zusammengewachsen. Dieses Miteinander hat die Sicht von innen und von außen vereint. Somit haben wir etwas mehr Verständnis für die burmesische Lebens- und Denkweise, der wir mit unseren westlichen Maßstäben nicht gerecht werden können.

Unser Projekt soll neben der Verbesserung von Einzelschicksalen der Kinder Aufmerksamkeit und Sympathie füreinander hervorrufen. Sie sollen spüren dass wir und unsere burmesischen Freunde für sie da sind und ihnen helfen wollen, ihnen dabei ihre Würde zu erhalten und ihre Erdverbundenheit zu bewahren. Ihr Land, das noch weitgehend von den Errungenschaften unserer modernen Welt oder vielleicht auch "Gott sei dank" verschont blieb, scheint in Dämmerschlaf versetzt worden zu sein. Die Zeit ist nicht aufzuhalten. Internet und Handys haben beschränkt Einzug gehalten und verändern die Lebensweise - nicht immer positiv. Dennoch wäre es nicht gerecht wenn wir ihnen "unseren" Fortschritt vorenthalten würden. Der "buddhistische Sozialismus" des Generals Ne Win ist schon lange gescheitert. Seine Vision ein Lebensmodell, dass sich rein auf birmanische Tradition und Kultur gründen wollte, ohne den American Way of Life, war nicht durchzusetzen.

Die Folgen: Macht, Diktatur, Korruption, soziale Misswirtschaft und Unterdrückung der Bildung haben das Land zu den Ärmsten dieser Welt abstürzen lassen. Die Militärdiktatur schottet sich ab und ist immun gegenüber westlicher Kritik. Durch die Auflehnung und Verweigerung der Mönche, Opfergaben von den Militärs anzunehmen wurden sie sozusagen öffentlich exkommuniziert. Die Junta aber glaubt an Ihr positives Karma, das sie berechtigt sich so zu verhalten. Buddhistische Mönche sagen "Annisa, dokka, annata" das Leben ist Leiden, alles ist im Leben vergänglich, no ego und das, was zählt, ist das Wort Buddhas.

Wir machen weiter und weiter in diesem Kreislauf der vier edlen Weissheiten des Buddhismus, lehnen uns ein wenig auf gegen die Absurditäten dieser Welt, einer Welt der Globalisierung, die um Ihrer selbst Willen totalitäre Regime unterstützt, einer Welt des G.W. Bush, von Abu Graib und Al Qaida . Weitermachen bedeutet neue Ziele setzen, sich selbst als N.G.O. mehr zurück nehmen, Eigenverantwortung zu fördern, anzustoßen und immer und immer wieder Nachhaltigkeit (Sustainability) zu hinterlassen durch:

Disease Control - Human Resource Development - Infrastructural Development

Zum 10 jährigen Jubiläum unserer Burmaeinsätze erhielten Angelika Wagner und ich von dem zivilem Gesundheitsminister Dr. Tin Win Maung und Prof. Kim Maung Lwin eine Ehrung in Form einer Medaille.

Ministry of Health Union of Myanmar
This is to honour Dr. med Angelica Wagner und Dr. med Heinrich Schoeneich President of Interplast Munich in recognition and appreciation of their very outstanding contributions towards progress in health sectors in Myanmar, especially in the field of Plastic and Reconstructive Surgery, and also for their untiring services for more than a decade, to cleft patients and patients with other congenital and acquired defects and deformities.
Dr. Tin Win Maung , Prof. Kim Maung Lwin

Wir haben Sie entgegengenommen im Bewusstsein Menschen in Burma zu helfen, ohne das System zu unterstützen, einen Strukturwandel in unserer Interplastarbeit begonnen zu haben, unsere hochgesteckten Ziele in einem sehr bescheidenen Rahmen durch Strukturveränderungen erreicht zu haben (Krankenhausausbauten, Instrumente, Sachmittel), durch Entwicklung von Ausbildungsstrategien und durch die Bindung unsere burmesischen Freunde und Kollegen als gleichwertige Partner. Wir haben uns ein wenig in die inneren Angelegenheiten Burmas eingemischt und etwas verändert.

Ich fühle mich noch im Fluss zu Beginn meiner neuen Lebensdekade und hoffe, mein Leben möge weiterhin Bewegung, Veränderung und Wandlung sein. Ich Danke meiner Familie, meinem Team, und all meinen Freunden für all das Erreichte, den vollen Einsatz, das Verständnis, den Verzicht, die Erlebnisse, die Erschöpfung, die sich wandelt in Demut und Zufriedenheit. Hoffnung und Veränderung liegt in der gemeinsamen verantwortungsvollen humanitären Arbeit.

Heinz Schoeneich


 
 
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